Unfällen trotzen – Von Haltungen, Einsichten und Angeboten

Der Spruch: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr“ ist schon lange überlebt. Wer Erfolg im Leben haben will, kommt mit dem erlernten Wissen von Schule und Studium auf Dauer nicht aus. Er muss sich auf seinem Gebiet ständig mit den neuesten Erkenntnissen vertraut machen und sie in sein Handeln einbeziehen. Das heißt – ein Leben lang lernen, wer ein Meister bleiben will.

Was im Berufsleben meist erkannt und praktiziert wird, ist beim Thema Straßenverkehr vielfach noch ein wunder Punkt. Viele glauben, mit dem Erwerb des Führerscheins das nötige Rüstzeug zu besitzen, um ein Leben lang für den Straßenverkehr fit zu sein. Ein Trugschluss. Auch hier sind Weiterbildung und Qualifizierung angesichts der sich stetig verändernden Verkehrsbedingungen, neuer Anforderungen und des Technikwandels für alle Altersstufen zwingendes Gebot, um die Sicherheit auf unseren Straßen weiter zu erhöhen.

So hat der Deutsche Verkehrssicherheitsrat in einem Seminar vor Medienvertretern das Thema „Ein Leben lang für den Straßenverkehr lernen“ in den Mittelpunkt gerückt. Wissenschaftler und Verkehrsexperten stellten neue Untersuchungsergebnisse für alle Altersgruppen vor, die bei der inhaltlichen Gestaltung der Verkehrs- und Mobilitätserziehung von großer Bedeutung sind.

Kinder im Straßenverkehr

Der Verkehrspsychologe Prof. Dr. Bernhard Schlag von der Technischen Universität Dresden legte dar, über welche Stufen bei Kindern der Anpassungsprozess an den Straßenverkehr von der begleitenden zur selbstständigen Mobilität erfolgt und was dabei zu beachten ist.

Schon frühzeitig können Kinder sehr gut Sehen und Hören. Doch es fehlt ihnen vielfach das Verständnis für die Bedeutung und die Bewertung des Wahrgenommenen. Auch im Grundschulalter ist das noch Lern- und Erfahrungsgegenstand. Entfernungen und Geschwindigkeit können die Kinder erst ab 10 Jahren richtig beurteilen und einschätzen. Geräusche nehmen sie zwar sehr gut wahr, doch was sie bedeuten müssen sie erst erlernen.

Wichtige Voraussetzungen für die Anforderungen im Straßenverkehr sind aufmerksame Beobachtung und bewusste Handlungskontrolle. Auch das ist im Kindesalter ein langwieriger Prozess. Kinder sind durch störende Umweltreize schnell ablenkbar. Die Fähigkeit, die Aufmerksamkeit auf wichtige Dinge zu konzentrieren und Unwichtiges auszublenden, erwerben sie erst im Alter von 7 bis 13 Jahren.

Zu beachten ist auch: Kinder haben zwar einen starken Bewegungsdrang, aber ihre Motorik noch nicht unter Kontrolle. Plötzliches Ausweichen oder Stoppen müssen sie schrittweise erlernen. Erst mit 9 bis 10 Jahren sind diese Fertigkeiten voll entwickelt.

Ähnlich vollzieht sich bei ihnen die Ausprägung des Gefahren- und Sicherheitsbewusstseins. Im Vorschulalter können sie schon gefährliche Situationen im Straßenverkehr erkennen, aber meist erst, wenn sie schon in akuter Gefahr sind. Mit 8 Jahren haben sie gelernt, Gefahren vorauszusehen. Doch erst mit 10 Jahren sind sie in der Lage, ihnen aus dem Wege zu gehen, erläutert Prof. Schlag.

Von Unfällen betroffen, so haben Untersuchungen ergeben, sind vor allem Kinder und Jugendliche, die überdurchschnittlich lebhaft und leichter ablenkbar sind, aber auch jene, die besonders ängstlich auftreten, eine innere Unruhe und erhöhte Empfindlichkeit ausstrahlen.

Mädchen sind im Vergleich zu den Jungen ruhiger, selbstständiger und weniger risikobereit. Sie haben weniger Unfälle.
All diese Erkenntnisse müssen in die Verkehrs- und Mobilitätserziehung einfließen und an die jeweiligen Lern- und Verhaltensvoraussetzungen anknüpfen, unterstreicht Prof. Schlag.
Die Ausweitung der Tempo 30 Zonen in den Städten wäre eine wichtige zusätzliche Maßnahme, um die jungen Verkehrsteilnehmer vor Unfällen zu schützen.

Raser schon mit 14?

Prägen sich schon lange vor dem Erwerb des Führerscheins bei Jugendlichen Einstellungen aus, die ein erhöhtes Risikopotenzial enthalten?
Eine Langzeitstudie der Deutschen Polizei in Münster ging dieser Frage nach. Heinz Albert Stumpen informierte über diese wichtige Untersuchung.
Knapp 1200 Jugendliche zwischen 13 bis 17 Jahren und ihre Eltern waren in die Befragung einbezogen. Sie mussten einen speziellen Fragebogen ausfüllen, der Auskunft über ihr Mobilitätsverhalten, ihre Fahreinstellungen und Risikobereitschaft gab. Mit denselben Jugendlichen wurde die Befragung im Jahresabstand über weitere drei Jahre wiederholt.

Das Ergebnis der Analyse zeigte, das nicht das Alter entscheidend ist, künftig als Risikofahrer aufzufallen. Es spielen dabei vor allem die individuelle Persönlichkeitsentwicklung und bestimmte psychosoziale Reifeindikatoren eine Rolle. Die Studie bestätigte, das sich bereits im Jugendalter Einstellungen zeigen, die auf ein Risikopotenzial hindeuten. Dabei kristallisierten sich drei Gruppen heraus: Jugendliche mit hohem, mittlerem und geringem Risikoverhalten. Das zeigte sich unter anderem in einem von der Norm stark abweichendem Fehlverhalten mit hoher Sicherheitsgefährdung, in einer verkehrsbezogenen Risikobereitschaft und in Missachtung von Verkehrsregeln.

Statistisch belegt werden konnte, es gibt Jugendliche die über alle Zeiträume stabil das gleiche Risikopotenzial aufweisen, das sich auch bis zum Erwerb des Führerscheins nicht ändert. Zum anderen existiert eine Gruppe von Jugendlichen, die ihre Einstellungen und Werte im Verlauf der Jahre ändern und unterschiedlichen Risikogruppen zugeordnet werden können.
Die Studie bestätigte: Weit vor dem Eintritt in die Automobilität prägen sich bei den Jugendlichen Verhaltensmuster aus, die ihre Risikobereitschaft deutlich erkennen lassen, auch schon mit 14. Deshalb sollten bereits zu diesem frühen Zeitpunkt verkehrspädagogische Maßnahmen ergriffen werden, das Verhalten von potenziellen Risikofahrern positiv zu beeinflussen. Dabei tragen Elternhaus, Polizei und Schule ein große Verantwortung.

Neue und künftige Anforderungen beim Erwerb der Fahrerlaubnis

Auf den Wandel und die neuen Ansprüche in der Fahrschulausbildung gingen Mathias Rüdel und Tino Friedel von der Arbeitsgemeinschaft Technische Prüfstelle für den Kraftfahrzeugverkehr in Dresden ein.

Das in der Vergangenheit vielfach praktizierte schematische Auswendiglernen zur Beantwortung der Fragen ist bei der Theoretischen Fahrerlaubnisprüfung nicht mehr zeitgemäß. Vielmehr geht es heute um ein „Hineindenken“ in die Verkehrssituation und dabei um die Anwendung gelernter Regeln.

Das erfordert den Einsatz neuer Techniken und Methoden, um bestmöglich zu überprüfen, ob ein Fahrschüler die Anforderungen zum Führen eines Kraftfahrzeugs erfüllt. Ziel der Theoretischen Fahrerlaubnisprüfung ist, die Kenntnisse der gesetzlichen Vorschriften und zum umweltbewussten Fahren, sowie das Wissen um die Gefahren des Straßenverkehrs und den zur ihrer Abwehr erforderlichen Verhaltensweisen möglichst objektiv und zuverlässig zu erkennen.

Mit der Einführung des Computers als Prüfungsmedium konnte das Verkehrsgeschehen durch computergenerierte Abbildungen in verschieden Varianten dargestellt werden. Damit konnte schon besser das Wissen und Anwenden der Verkehrsregeln geprüft werden.

Ein wichtiger weiterer Schritt war die realistische filmische Darstellung von Verkehrssituationen, die sichtbar machen, wie gut der Prüfling Gefahren erkennt und darauf reagiert.

In den letzten Jahren wurden auch die Inhalte und Methoden der Praktischen Fahrerlaubnisprüfung optimiert und grundlegend weiterentwickelt. Entstanden ist ein „Fahraufgabenkatalog“, der erstmals umfassend einheitliche Ausbildungsstandards festlegt, Fahraufgaben und Fahrkompetenzbereiche erfasst und die Handlungsschritte zur Bewältigung der Fahraufgaben beschreibt, einschließlich aller Bewertungskriterien.
Mit einem elektronischen Prüfprotokoll werden künftig die Fahrleistungen der Bewerber bundeseinheitlich und transparent ausgewiesen.

Schwierig war es bisher in der Fahrerlaubnisprüfung, die Kompetenz des Einzelnen bei der Verkehrswahrnehmung und Gefahrenvermeidung exakt zu erkennen. Technische Entwicklungen ermöglichen jetzt, diese Fähigkeiten objektiver zu messen. Ein Verkehrswahrnehmungstest wird gegenwärtig erarbeitet.

Schon heute ist die Tendenz zum automatisierten Fahren deutlich erkennbar. Immer mehr Assistenzsysteme übernehmen wichtige Funktionen des Fahrers. Daraus ergeben sich veränderte und neue Anforderungen für das sichere Führen eines Kraftfahrzeugs. Auch sie müssen im Rahmen der Fahrausbildung vermittelt werden und in die Prüfung einfließen. Daran wird gegenwärtig intensiv gearbeitet.

Wilde Ideen zulassen

Dafür plädiert Prof. Dr. André Bresges vom Institut für Physikdidaktik an der Universität Köln. In seiner Arbeit beschäftigt er sich seit Jahren mit dem Thema Verkehrssicherheit und beschreitet dabei neue Wege, um bei Unfallschwerpunkten verbesserte Lösungen anzubieten.
Design Thinking ist einer dieser neuen Wege – ein Konzept der gemeinschaftlichen kreativen Problemlösung. Wie es in seinen Seminaren praktiziert wird, darüber sprach Prof. Bresges.

An einem ausgewählten Unfallschwerpunkt müssen sich die Studenten zunächst im Detail mit der vorhandenen Verkehrssituation vertraut machen. Dabei sollen sie sich in die Sicht der verschiedenen Verkehrsteilnehmer hineinversetzen. Wie sieht zum Beispiel ein Autofahrer die Situation, wie ein Radfahrer, ein Fußgänger oder ein Straßenbahnfahrer. Mit diesem Wissen ausgestattet, können die Studenten dann an einem nachgebildeten Modell der Kreuzung oder des Platzes im Seminar ihre Ideen, Überlegungen, Meinungen und Sichtweisen einbringen, wie der Unfallschwerpunkt am besten entschärft werden kann. Dabei können sie mit einfachen Hilfsmitteln wie Knete, Papier oder Holzstäbchen experimentieren und so die Verkehrsführung verändern. Sie können die Verkehrsströme neu regulieren, Brücken einbauen, Ampeln aufstellen, wo es vorher keine gab.

In diesem Prozess geht es darum, aus der Gruppe eine Vielfalt von Ideen und Anregungen zu gewinnen und zu diskutieren, ohne jegliche Einschränkung. Querdenken ist dabei ausdrücklich erwünscht, neue ungewöhnliche Ideen auf die bisher noch niemand gekommen ist. Aus der Darstellung der verschiedenen Varianten wird dann ein Vorschlag für die Verkehrsplaner erarbeitet, wie die Verkehrssicherheit an diesem Unfallknotenpunkt verbessert werden könnte. Auf der Basis von Design Thinking wurden von Prof. Bresges und seinen Studenten schon mehrere Projekte zur Verbesserung der Verkehrsinfrastruktur entwickelt.

Autofahren im höheren Alter

Die Zahl der Senioren am Steuer nimmt in den nächsten Jahrzehnten weiter zu. Die am stärksten wachsende Bevölkerungsgruppe sind die über 80 Jährigen. Viele sind ein Leben lang Auto gefahren, wollen auch weiterhin mobil bleiben. Doch sind sie noch ausreichend fit für die Teilnahme am Straßenverkehr? Welche Hilfen kann man ihnen anbieten, um eine sichere und selbständige Mobilität weiterhin zu gewährleisten? Sind sie überhaupt bereit, im hohen Alter noch zu lernen?
Auch diesem Thema widmete sich Prof. Dr. Bernhard Schlag von der TU Dresden. Für ihn ist das Alter kein Hinderungsgrund, nicht mobil zu bleiben.

Natürlich ist nicht zu übersehen, das ältere Autofahrer besondere Probleme haben, deren Ursache im Nachlassen verschiedener geistiger und körperlicher Fähigkeiten liegt. So nehmen bei Senioren Sehkraft und körperliche Beweglichkeit ab, verringert sich ihre Reaktionsfähigkeit und Belastbarkeit, wird mehr Zeit benötigt von der Verarbeitung der Informationen bis zur Handlungsausführung. Vor allem fällt ihnen die Bewältigung neuer Aufgaben und sich schnell verändernder Situationen schwerer. Dabei besteht die Gefahr einer Überforderung. So haben sie besonders Probleme bei der Vorfahrt, beim Ein- und Abbiegen an unbekannten Kreuzungen.

Das Nachlassen bestimmter altersbedingter Fähigkeiten aber bedeutet nicht, dass Autofahrer auch im Seniorenalter nicht fahrtüchtig wären, betont Prof. Schlag.
Sie sind erfahren, haben eine ausgeprägte Routine entwickelt, können Situationen, schnell reagieren zu müssen, vorausschauend vermeiden. Sie fahren nicht mehr zu allen Tageszeiten und bei Wind und Wetter und gleichen so mögliche Schwächen aus.

Gegenüber der öffentlichen Meinung beurteilen ältere Kraftfahrer ihre Fahrkünste meist uneingeschränkt positiv. Ihnen fehlt oft die Einsicht, den natürlichen Alterungsprozess mit den damit verbundenen Schwächen zu akzeptieren. Wer ist schon gern bereit, anzuerkennen, was man selbst nicht wahrhaben möchte. Gut gemeinte Hinweise werden oft als Kränkung empfunden. Das macht das Lernen im höheren Lebensalter schwierig.
Ausgrenzen autofahrender Senioren ist nicht gewünscht und nicht akzeptabel. Entscheidend ist, durch geeignete freiwillige Maßnahmen Einfluss zu nehmen, den eigenen Alterungsprozess mit allen seinen Begleiterscheinungen bewusst zu erkennen und aktiv darauf zu reagieren, so Prof. Schlag. Ältere sind ansprechbar für alles, was ihnen hilft, länger mit dem Auto mobil zu bleiben.

Trainingsfahrten mit Fahrlehrern sind dabei eine Möglichkeit, die Fahrkompetenz Älterer deutlich zu optimieren. Das wurde in einer wissenschaftlichen Untersuchung eindeutig bestätigt.

Eine weitere Variante sind Rückmeldefahrten. Das sind etwa einstündige Fahrten im Realverkehr, begleitet durch einen Fahrlehrer oder Verkehrspsychologen. Das Ziel ist, dem Fahrer danach eine Rückmeldung zu geben, wie fit er für den Straßenverkehr ist und was er möglicherweise noch verbessern kann. Die Angst, durch eine solche Fahrt den Führerschein zu verlieren, ist unbegründet. Das Ergebnis bleibt unter vier Augen zwischen dem Fahrer und seinem Begleiter. Die bisherigen Ergebnisse, so Prof. Schlag, sind vielversprechend.

Text und Fotos:

Manfred Vieweg